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Gebisslehrgang mit Karl-Friedrich von Holleuffer

Wenn Neugier Au! macht und Wissen dann nicht nur Ah!, sondern auch Uiui! und Oha!, dann war man auf einem Gebisslehrgang mit Karl-Friedrich von Holleuffer, Fahrtrainer A - FN und Experte für Wirkung der verschiedenen Gebisse und Reithalfter. Einen Vormittag vollgepackt mit praktischen Versuchen, umfassendem Wissen und Augenöffnern hatte der AFW Thüringen e.V. im Oktober organisiert.

Die Maxime hinter den ganzen Testgeräten, dem Einsatz mehrerer echter und künstlicher Pferdeschädel und natürlich Knautschi war, Wirkungen erlebbar zu machen und zu einem schonenderen Umgang mit dem Pferdemaul zu kommen - denn in diesem liegt der Schlüssel zu taktreinem Gang, Arbeitsfreude und dem feinen Reiten an sich.

Herr von Holleuffer wies zu Recht darauf hin, dass wir z. B. mit unseren Sätteln einen riesigen Aufwand betreiben, aber der empfindlichsten Verbindung zwischen Pferd und Reiter nur wenig Aufmerksamkeit schenken. Gebisse von der Stange verwenden und den Werbeaussagen der Hersteller zu gern glauben schenken – oder wer ist noch nicht darauf hereingefallen, weil das Pferd mit dem neuen Gebiss, das als anatomisch geformt und weich angepriesen wurde, auch so wunderbar gehorchte?…

…Dabei ist das vermeintlich so sanfte Gebiss im Pferdemaul so gar nicht weich und fein, sondern eher scharf und vermittelt dieses zarte Gefühl nur dem Reiterpfötchen, weil das liebe Roß so flott reagiert!

Nach einigen Aha-Erlebnissen mit den bereitgestellten Gebissen an der Zugkraftmessanlage und dem Pferdeschädel in dessen Unterkiefer unsere Finger Zunge spielen durften, gingen wir zum theoretischen Teil des Vortrages über, den ich nachfolgend versuche, knapp zusammenzufassen:

Wir begannen mit dem Blick ins Maul…

Der zahnlose Bereich des Pferdekiefers dient dazu, Futterwickel zu drehen. Diese sind nötig, damit das Pferd die Nahrung passend aufgearbeitet an die Backenzähne zum Zermalmen weiterschieben kann. Diese Futterwickel fallen uns erst auf, wenn die Pferde Zahnprobleme haben und sie diese auf den Backenzähnen nicht mehr zerkauen können. Die Zunge des Pferdes arbeitet im vorderen Bereich nach vorne und im hinteren Bereich nach hinten. Daher muss z.B. eine Wurmkur möglichst weit hinten auf der Zunge appliziert werden, damit sie nicht ausgespuckt, sondern gleich abgeschluckt wird.

Pferde sind immer auch schief im Maul. Die Laden können ganz unterschiedlich geformt sein. Diese Schiefe im Maul können wir uns bei der Zahnkontrolle anschauen und, sofern das Pferd sediert, oder ruhig genug, um es auch so zuzulassen, die Lage des Gebisses auch im Maul betrachten. Kleiner Tipp zu einfach gebrochenen Gebissen – sofern diese nicht in einer bestimmten Richtung verwendet werden müssen, einfach mal schauen, ob eine Seite kürzer ist, als die andere (ist oft produktionstechnisch bedingt) und ggf. sogar eine Seite dünner. Dies ist hilfreich, wenn das Pferd nicht auf beiden Laden den gleichen Platz für ein Gebiss hat.

Die Schärfe der Gebisse nimmt von Stange über einfach gebrochene, bis zu doppelt gebrochenen Gebissen extrem zu. Eine Stange kann das Pferd gut mit der Zunge abpolstern und von den empfindlichen Laden fernhalten. Die einfach gebrochene Wassertrense hingegen stellt sich bei Zügelannahme ein wenig auf und wirkt seitlich auf die Zunge und die Laden. Eine Wirkung auf den Gaumen hat sie kaum, wenn das Gebiss passt. Dies wäre außerdem zu vernachlässigen, denn der Gaumen ist gut (bis zu 3 cm) gepolstert, im Gegensatz zu den Laden, die nur eine sehr dünne Polsterung aufweisen. Der oft erwähnte Nussknackereffekt ist zwar bei grober und falscher Anwendung der Zügelhilfen vorhanden, aber die Zunge kann nicht so weit gequetscht werden, dass die Blutzufuhr in die Zungenspitze gestört wird. 

Diese Gefahr besteht eher beim doppelt gebrochenen Gebiss, das quasi einen doppelten Nussknackereffekt aufweist und auf die Zunge und Laden ohne Ausweichmöglichkeit einwirkt. Bei starker Handeinwirkung, bildet sich zum hinteren Teil der Zunge ein Wulst und die Zunge wird regelrecht eingeschnürt. 

Die Verbindung von Unterkiefer bis zur Kruppe beginnt an der Zungenspitze. Der Zungengrundmuskel verbindet die Muskelketten über Unterhals, Brust, Bauch bis in das Kreuzdarmbeingelenk.

Ist es dem Pferd nicht möglich, mit entspanntem Maul und beweglicher Zunge zu kauen und seinen Speichel abzuschlucken, dann setzt sich die Verspannung bis ins Kreuzdarmbeingelenk durch und sorgt für Taktfehler und schlimmere „Verstimmungen“.

Beim Auftrensen sollte nur eine Falte am Maul entstehen, bei Zügelaufnahme entstehen dann von selbst drei Falten. Dies ist wichtig, damit man mit dem Gebiss nicht zu nahe an die Backenzähne kommt. Auch der zusätzliche Sperrriemen am englischen Reithalfter zieht das Gebiss, schon alleine durch seine Lage, viel zu sehr in Richtung der Backenzähne.

Die Stirnriemen sollten wir lang genug wählen. Sie sind in der heutigen Zeit meist zu kurz und ziehen das Genickstück zu nahe an das Ohr heran. Links und rechts sollte locker ein Finger zwischen Ohr und Genickstück passen, denn das Genickstück übt ebenfalls Druck bei Zügelannahme auf das Genick des Pferdes aus. Auch bei der Wassertrense! Wir haben das ausprobiert.

Das englische Reithalfter muss zwei Finger unterm Jochbein verschnallt werden, damit die dort austretenden Nerven und Blutgefäße nicht beeinträchtigt werden. Sowohl englisches, als auch hannoversches Reithalfter dürfen niemals fest angezurrt werden! Um entspannt Kauen zu können, muß das Pferd die Schneidezähne min. 17 mm öffnen können, daher gibt die zwei-Finger-Regel (gemessen unter dem Nasenriemen auf dem Nasenrücken!) bei beiden Reithalftern genügend Platz.

Ein Reithalfter verteilt den Zügelanzug positiv am Kopf durch Weiterleitung der Kraft des Zügelanzuges und erlaubt dem Pferd, den Kaumuskel zu entspannen.

5 kg Zügeleinwirkung erzeugt einen Spanndruck beim engl. Reithalfter von 6 kg, beim hannoversch. Reithalfter hingegen jedoch nur 4 kg. Das bedeutet, dass auch beim Reiten auf Trense, das Reithalfter auf Nase und Genick einwirkt!

Ist das Reithalfter über der Nase schmaler, als auf der gegenüberliegenden Seite, holt es via den Spanndruck den Kopf des Pferdes eher herunter. Beim eingerollten Pferd dient dagegen ein unter dem Kopf schmaleres Reithalfter eher dazu, den Kopf hochzuholen.

Die übliche leichte Biegung des Kandarenunterbaumes nach hinten löst die Kinnkette bei Nachgeben mit der Hand automatisch.

Eine korrekt liegende Kandare wirkt erst scharf ein, wenn sie über die Zügel in einem Winkel über 45° angenommen wird. Vorher wirkt sie weicher ein, als jede Trense, denn die Einwirkung am Trensenring (direkt am Gebiss) erfolgt zu 100% sofort. Nimmt man die Kandare um 2 cm an, ist die Einwirkung auf das Gebiss weit geringer, abhängig von der Länge des Unter- und Oberbaumes!

Die Unterlegtrense muß immer 1,5 cm breiter sein, als die Kandare, bitte beim Kauf unbedingt darauf achten!

Der Scherring (zusätzlicher Ring mittig der Kinnkette) dient mit einem durchgezogenen Band, das an den mittleren Ringen an den Kandarenunterbäumen befestigt wird, dazu, dass das Pferd nicht den Baum ins Maul nimmt und somit eine Zügeleinwirkung verhindert.

Empfehlenswert ist es generell, gebrochene Gebisse 1 - 1,5 cm breiter zu kaufen, als die Maulbreite ist. Bei Stangen müssen links und rechts an der Maulspalte 5 mm bis zum Trensenring Patz sein.

Zum Abschluss noch die Übung, die uns vor Augen führte, wie wichtig unser „Maul“ für unser Gleichgewicht ist!

Einfach mal im lockeren Stand die Augen schließen und dann Unterkiefer nach vorne, hinten, rechts und links verschieben….

… und? Was passiert? J

Mein Resümee zu diesem Kurs:

Hochinteressant und augenöffnend. Endlich kann ich Dinge, die mir nur vage bewusst waren, fundiert begründen, weil ich sie selber erlebt habe.
(Ch. Rippl)